Albert Keates
am 20.03 15:13 Uhr
|
im Topic : Ankunft |
Albert Keates fühlte sich unwohl.
Es stank.
Die Luft war schlecht. Nicht schlecht im Sinne von ein bisschen übel riechend. Nein, es stand der Mief förmlich in Persona vor ihm. Doch dieser Wagon war noch am erträglichsten. Beim Einsteigen in den Zug war er fast in eine Gruppe wirr aussehender Gestalten gestolpert. Der Alkohol sprach aus ihnen, und aus ihren Poren. Weiter vorn im Zug versuchte Mister Tabak grinsend die Vorteile eines zerstörten Geruchssinnes zu verdeutlichen.
Nahverkehr, der Fußabtreter des schlechten Geschmacks.
Er versuchte sich mit den Bildern von draußen abzulenken. Im Schatten der Nacht zuckten ein paar an den Schienen gewachsene Bäume hervor. Säulen, einem griechischen Tempel gleich. Nur ohne die nebulöse Heiligkeit geweihter Mauern. Dahinter gähnte die öde Langeweile ländlichen Ackerbaus.
Die dünne Glastür der ersten Klasse vermochte nicht in ausreichend Stärke das kratzende Tonwirrwarr der jungen Leute dahinter abzutöten. Töten… Eine kleine rote Wolke, mit der Form eines lachenden Gesichts, schob sich kurz vor sein inneres Auge. Ja, Wolken aus Menschenhand geschaffen, dicht schwebend über den Kaminen einer frierenden Nation. Heute sah man dieses stille Jammern über keiner Stadt mehr. Ob der winterliche Frost nun niemanden mehr störte?
Wieder erschallte lautes Gelächter und übertönte so das Krachen, das sich da Musik nennen wollte. Diese schlecht gekleideten Jugendlichen schienen in Konkurrenz zueinander zu stehen. Im Zentrum die einzige weibliche Person. Verlangen, Sucht, Kränkung, Rache, Mord. Und wieder schritt der Minutenzeiger der Zivilisation weiter.
Er drehte sich wieder dem Fenster zu.
Langsam nährte der Zug sich der Stadt. Freiberg. Zu schade, dass die Dächer hier nicht golden glänzen. Wie diese Stadt wohl klingen mag? Diese Frage hatte er sich schon die ganze Nacht gestellt. Alles hatte seinen eigenen Ton. Interessante Dinge und Kainiten hatten eine ausreichende Anzahl von ihnen inne, dass man damit Musik spielen konnte.
Die Frau aus dem Rohr kündigte den nahen Bahnhof an. Ein letztes Mal blickte er durch das Fenster. Eingefallene Gebäude säumten auch hier die Bahnanlage. Verfall der Fortbewegung. Stillstand bringt verstopfte Pfeifen mit sich. Hier musste erstmal ordentlich restauriert werden, bevor wieder ein göttliches Halleluja sich über das menschliche erheben konnte.
Er verließ den Zug und blieb stehen. Frische, nachtgeschwängerte Luft. Er schaute auf einen Zettel. Die Beschreibung für die ersten Schritte in diesem noch klanglosen Körper. Unweit des Bahnhofes hatten sich die Jugendlichen getrennt. Die Testosteronsieger führten die Dirne nach Hause. Der Verlierer vergoss das stumme Salz des Selbstmitleids.
Emotionen erzeugten Schwingungen. Leicht konnten sie nicht gehört werden. Doch richtig gespielt, der richtigen Klaviatur folgend, konnte ein abendliches Konzert die Sinne erfreuen.
Albert Keates war in Freiberg angekommen.
|
Albert Keates
am 23.03 19:36 Uhr
|
im Topic : Ankunft |
Albert Keates sahs in einem Nachtcafe.
Schwirrende Gedanken, wüstengleich, ungeordnet, wechselnd.
Nur einige wenige Gäste bereiteten mit ihren Gesprächen eine gewohnte Hintergrundmusik der isolierten Geselligkeit.
Albert legte eine Mappe auf den Tisch, öffnete sie und blätterte durch den pappenen Inhalt.
Schnell fand er den gesuchten Spielplan. Er holte das Thronsaalbrett hervor und bereitet dieses auf dem Tisch aus.
Als nächstes stellte er eine Holzkiste daneben.
Er griff hinein und heraus zog er eine fein geschnitzte Elfenbeinfigur. Ein Mann, in feinstem Tuch gekleidet, eine Krone auf dem Kopf, hielt eine Schriftrolle in der Hand.
Albert hob die Figur vor sein Gesicht und überlegte. Nach einige Zeit sagte er leise: „Diesmal habe ich keine Verwendung für dich.“
Die Figur verzog das Gesicht zu einer bosartigen Fratze.
„Ich verstehe wohl nicht recht“, brüllte sie aufgedreht. „Keine Verwendung?
Ich habe immer meinen Platz. Für mich gibt es immer eine Verwendung.“
„Nein“, antwortete Albert leise, „diesmal nicht.“
„Lügner, Elender“, schrie die Figur und begann mit der Schriftrolle auf Alberts Finger zu schlagen.
„Ich werde immer gebraucht, den ich bin wichtig. Ich bin wichtig. Ich bin wichtig.“
Albert legte seinen Finger auf die Lippen, schaute noch kurz die wütend, verstummende Figur an und legte sie neben den Spielplan, wo sie sich schmollend mit dem Rücken zu ihm hinsetzte.
Ein zweites Mal griff Albert in die Holzkiste. Auch diesmal war die Figur von vornehmer Statur und Kleidung. Nur die Krone fehlte.
„Auch für dich habe ich keinen Platz auf dem Brett“, flüsterte er dem schon leicht wütend schauenden Mann zu.
„Was? Ich bin nicht dabei? Ich bin doch der lange Arm, das ausführende Element“, protestierte die Figur in ähnlicher Heftigkeit wie sein Vorgänger.
„Nein, nicht an diesem Ort“, war die kurze Antwort des Kainiten. Er stellte die kopfschüttelnde Figur neben das Brett zu der Ersten.
Erneut wandte er sich der Kiste zu.
Die sieben sichtbaren Figuren schienen die vorherigen Gespräche mitbekommen zu haben. Eine hitzige Diskussion war unter ihnen entbrannt. Als sie Albert gewahr wurden fragten sie ihn: „Was hat das zu bedeuten? In welche Zeit kommen wir denn hier?“
Albert schüttelte den Kopf. „Auch für euch habe ich keine Verwendung.“ Sein Satz löste stummes Entsetzen aus. Er fuhr fort: „Eine ganz eigene Situation haben wir hier. Zwei von euch werde ich benötigen. Allerdings in leicht gehobenerer Position als sonst.“
Diese Worte erzeugten eine sofortige Reaktion unter den Holzfiguren. Eine kräftiger Kerl zog sich einen Schlagring auf die Faust. „He Leute, er meint ganz klar mich. Also macht Platz“, drohte er den übrigen Sechs und schubste zwei beiseite.
„Nicht so vorlaut“, sagte eine Figur mit Anzug und Klemmbrett unter dem Arm. „Er sprach von“, und dies Wort betonte die Figur besonders, „gehobener Position. Unmissverständlich bin damit ich gemeint.“
Eine Dame drehte sich beleidigt zur Seite und wedelte mit ihrer Blume: „Typisches Männergehabe. Dabei ist es an der Zeit, die Schönheit sprechen zu lassen.“
„In der Tat“, sagte Albert nur knapp und stellte die hölzerne Dame vor den Thron auf das Spielfeld.
Feuer umspielte nun eine der übrig gebliebenen Figuren. „Magie. Alles in der Welt der Zahlen und Funktionen birgt Magie in seinem Inneren. Nur ich, der Meister dieser Kraft, bin es würdig neben der Dame erwählt zu werden.“ Albert schüttelte den Kopf.
Fauchend stieß eine pelzige Frau die Figur beiseite. Sie streckte eine krallenbewehrte Hand aus und machte mit einer Geste klar, dass sie auf den Spielplan gestellt werden wollte.
Eine Figur, die nicht mehr ganz ... heile schien, sprach leise in die eingetretene Stille: „Verborgen und doch bestens im Bilde. Nur wir überwachen jede Linie der Informationen.“
„Nein, es ist eine Schwester“, sprach Albert und nahm eine Frauenfigur aus der Kiste. Auch sie stellte er vor den Thron.
„Was soll das alles denn ergeben? Wer kontrolliert die Strukturen der Macht?“, fragte die Figur im Anzug. Albert antwortete: „Bringt mir den goldenen Joker.“
Sofort gehorchend öffneten die Figuren in der Holzkiste eine Tür. Sie knieten sich nieder als eine goldene Figur durch die Tür schritt. Laut pochte ein Stab bei jedem Schritt auf dem Boden. Diese Figur wurde neben den Thron gestellt.
Albert griff wieder in die Kiste und hielt nun eine Figur aus Marmor in der Hand. Gekleidet in einer Rüstung, ein Schwert in den Händen. Er stellte sie nahe der beiden Frauen.
Bevor er die Kiste schloss langte er ein letztes Mal hinein. Eine Frau mit bitterer Mine hiefte Albert noch auf den Plan.
Lange Zeit schaute er nun auf den Spielplan. Solange, dass einige Figuren schon eingeschlafen waren, als er alles wieder verstaute.
|
Albert Keates
am 27.03 16:29 Uhr
|
im Topic : Ankunft |
Der Chor stimmte seine Sangeskraft noch mit einigen Übungen auf das bestehende Konzert ein. Das Orchester hingegen war in der heutigen Nacht noch nicht so harmonisch, wie Albert Keates es sich wünschte.
Besonders die Streicher gaben in mimosiger Laune Widerworte. Zum vierten Mal ermahnte der Dirigent sie zur Konzentration.
Als der Chor sein Einsingen beendet hatte, hob Albert den Stab. Vollkommene Stille trat ein. Die Spannung vor einem Gewitter. Chor und Orchester verharrten in erwartungsvoller Haltung; in Position sofort wie eine Kobra zuzuschlagen.
Albert ertastete nochmal schnell den Panzer. Alles war an seinem Platz, es konnte beginnen. Auch der Hauptdarsteller hielt sich an den zeitlichen Ablauf.
Albert tippte kurz mit dem Stab und wirbelte dann mit seinen Händen in der Luft herum.
Das Orchester, eben noch in salziger Starre, erwachte mit einem Donnerschlag zum Leben. Die vorherige Ruhe fiel nun dem klanggewaltigen Instrumenten zum Opfer.
Ein musikalisches Hin und Her. Lauter wurde die Komposition, füllte den Geist aus, berauschte die Sinne. Die kräftige Musik befahl dem euphortisierten Körper sich mit den Wellen der Tonleiter zu bewegen.
Doch etwas stimmte nicht. Die launigen Streicher spielten außerhalb des Taktes, erzeugten Misston um Misston.
„Freunde“, rief Albert dem Orchester zu. „Nicht diese Töne.“
Die Musik wurde leiser, verlor an Geschwindigkeit. Ein jeder konzentrierte sich nun auf den Stock des Dirigenten, suchte den Einklang mit seinen Mitspielern.
Albert nahm das nun harmonische Zusammenspiel zur Kenntnis. Doch zufiel war heute schon unstimmig gewesen und so ermahnte er nochmals alle:
„Sondern lasst uns freuden - vollere anstimmen.“
Das war der ausschlaggebende Satz um einem jeden das meisterlichste seines Könnens abzuverlangen.
Die Geschwindigkeit nahm wieder zu. Der musikalische Schall füllte jeden kleinen Winkel aus. Glück durchströmte den Körper, gleich der Wirkung einer berauschenden Droge. Zum göttlichen fehlte nun nur noch der Chor. Albert gab das Zeichen.
Eine Flutwelle bestens Gesanges schwabte durch die Ohrmuschel.
„Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium. Wir betreten feuertrunken, himmlische, dein Heiligtum.“
Ja...
ja...
, ging es Albert durch den Kopf. Ein Orgasmus der Sinne, Vorbereitung für das Festmahl.
„Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng geteilt. Alle Menschen werden Brüder, wo dein sanfter Flügel weilt.“
Jubel wegen der Musik. Allumfassende Freude, weil der Hauptdarsteller seinen Einsatz richtig wählte.
Albert entließ den aufgezogenen Spielzeugpanzer. Dieser stotterte sich kriegerisch zwischen den parkenden Autos hervor. Immer wieder blieb er kurz stehen, um mit seiner Kanone zu feuern.
Ratata Peng, ratata Peng, ratata Peng...
„Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sein, wer ein holdes Weib errungen, mische seinen Jubel ein.“
Der Schauspieler für den heutigen Abend war famos. Sein Blick klebte auf dem wütenden Miniaturvehikel.
„Froh, wie seine Sonnen fliegen, durch des Himmels prächtgen Plan. Laufet Büder, eure Bahn, Freudig, wie ein Held zum Siegen. Freudig, wie ein Held zum Siegen...“
|